„Satteldach vorgeschrieben“ steht in vielen Bebauungsplänen ländlicher Gemeinden — und für viele Bauherren klingt das nach dem Ende jeder architektonischen Ambition. Am Landhaus Chiemgau war genau diese Vorgabe der Ausgangspunkt für einen der eigenständigsten Entwürfe, die wir gebaut haben.
Die Gemeinde schreibt das Satteldach vor, weil die umliegenden Höfe das Ortsbild prägen — nachvollziehbar, wenn man durch das Dorf fährt. Statt die Vorgabe als Grenze zu behandeln, haben wir gefragt: Was macht ein Satteldach eigentlich aus, und was davon ist tatsächlich vorgeschrieben? Die Antwort: die Dachform, nicht ihre Proportion oder Symmetrie.
Entstanden ist ein asymmetrisches Satteldach mit einer weit heruntergezogenen Traufe zur Wetterseite — praktischer Wetterschutz, der gleichzeitig die Kubatur zur Straße hin niedrig und ortstypisch hält — und einer großzügigen Verglasung zur Südseite, wo die Traufe deutlich höher ansetzt. Von der Straße aus liest sich das Haus als Hof unter den Höfen. Vom Garten aus zeigt sich ein modernes, lichtdurchflutetes Zuhause.
Innen setzt sich das fort: ein offener Luftraum über zwei Geschosse nutzt genau die Dachschräge, die die Auflage erzwungen hat, als räumliches Statement statt als totes Volumen unterm First. Außen Lärchenholz in Holzrahmenbauweise, das silbrig vergraut und sich mit den Jahren an die Umgebung angleicht — elf Monate Bauzeit, ein Material, das mit dem Ort altert statt gegen ihn.
Unsere Erfahrung aus diesem Projekt: Formvorgaben sind selten so eng, wie sie beim ersten Lesen wirken. Der produktivste erste Schritt ist nicht, gegen die Auflage zu entwerfen, sondern genau zu klären, wie viel Spielraum tatsächlich in ihr steckt.